Stell dir vor, die Schule beginnt, aber Du sitzt im Abschiebe-flugzeug

„Als am Dienstag nach Ostern der Unterricht an der Johanna-Tesch-Schule in Frankfurt-Bockenheim wieder beginnt, bleiben zwei Stühle leer“ – die Abschiebung der Familie Kapoor aus Frankfurt im Mai 2025 hat große Wellen des Protests geschlagen, wurden doch zwei Schüler der Schule mit ihren Eltern bei einem vermeintlichen Routinetermin bei der Ausländerbehörde ohne jede Vorankündigung, ohne die Möglichkeit, Rechtsmittel einzulegen, oder sich zumindest von den Klassenkamerad:innen und Freund:innen zu verabschieden, nach Indien abgeschoben – und damit in ein Land, das für die aus Afghanistan stammende Familie völlig fremd ist. Was das für diese Familie bedeutet, welche Zukunft die beiden Schüler in diesem für sie fremden Land haben werden, was es für sie bedeutet, aus ihrem Freundeskreis, ihrem Lebensumfeld herausgerissen zu sein und ihren angestrebten Schulabschluss nicht mehr machen zu können, lässt sich nur erahnen – fragen kann man sie nicht mehr.

Abschiebungen reißen Menschen mitten aus ihrem Leben und hinterlassen schmerzhafte Lücken

Abschiebungen berauben migrantisierte Menschen ihres Zuhauses, ihrer Beziehungen und zerstören ihre Hoffnungen und Zukunftsperspektiven, reißen aber auch große Lücken in Schulklassen und Kindergärten, Ausbildungsbetriebe und Firmenbelegschaften, Freundeskreise, Vereine und Familien. Wie schmerzhaft diejenigen, die zurückbleiben, die Abschiebung ihrer Freund:innen, Kolleg:innen oder Verwandten, erleben, illustrieren bspw. die vielen Petitionen, die die verzweifelten Angehörigen der Abgeschobenen starten: In der Hoffnung, dass die Abschiebung rückgängig gemacht werde, aber auch, um ihre Fassungslosigkeit, Wut und Empörung darüber zum Ausdruck bringen, dass Menschen ungeachtet dessen, ob und wie sie nach ihrer Flucht in Deutschland Fuß gefasst haben, einfach so aus ihren Bezügen gerissen werden – zum Teil schlicht und ergreifend nur deswegen, weil die betreffende Person in einem anderen EU-Land erstmals als Geflüchtete:r registriert worden war, wie bspw. die im Juni 2025 nach Litauen abgeschobene Mitarbeiterin der Offenbacher Krabbelstubb’.

In solchen Petitionen und Berichten über Abschiebungen wird immer wieder darauf verwiesen, wie fassungslos die Abschiebung auch deshalb mache, weil die betreffende Person sich doch gut integriert habe. Doch was soll das eigentlich sein: Integration? Die Übernahme der „deutschen“ aka preußischen Tugenden wie Pünktlichkeit? Sorry, Deutsche Bahn, dann wärst Du wahrscheinlich als erstes abzuschieben. Oder Fleißigkeit? Wieso gibt es dann (Millionen-)Erb:innen? Muss man den „Zauberlehrling“ auswendig aufsagen oder die deutsche Sprache vor dem Genitiv seinem Tod bewahren können? In Bayern Lederhosen tragen und in Hessen seinen Gästen Handkäs und Heinz Schenk servieren?

Integration kann nur wechselseitig gelingen

In seinem Beitrag zum „Inventar der Migrationsbegriffe“ verweist Aladin El-Mafaalani, Professor für Migrations- und Bildungssoziologie, zu Recht darauf, dass sich „Integration im öffentlichen und politischen Diskurs auf Migration bezieht, während es bei Inklusion um die Teilhabe von Menschen mit Behinderung und bei Gleichstellung um die von Frauen und LSBTIQ+ geht“, und häufig einhergeht mit Begrifflichkeiten wie „gescheiterter Integration“ oder „Integrationsunwilligkeit“ – nicht zuletzt auch befeuert durch die unsägliche Debatte der 2000er und 2010er Jahre um „Parallelgesellschaften“ und die „Deutsche Leitkultur“, dabei besonders zugespitzt auf Muslim:innen und Menschen mit Herkunft oder Wurzeln in islamisch geprägten Ländern. In dieser Auffassung von Integration bekomme „‚Integration‘ zunehmend den Charakter eines Disziplinierungsbegriffs, der mit einem Fremdmachen (Othering) einherging und -geht“. Zugrunde liege dem die falsche Auffassung von „Integration“ als etwas Einseitigem und „als Anpassung“ mit „gelungene[r] Integration als Zustand der Konfliktfreiheit und Homogenisierung“.

Der Begriff Integration in seiner ursprünglichen Bedeutung beschreibt jedoch einen „dynamischen, lange andauernden und sehr differenzierten Prozess des Zusammenfügens und Zusammenwachsens“ (Wikipedia), der keine „Einbahnstraße“ ist, sondern etwas Wechselseitiges, was also bedeutet, dass sich die Gesellschaften selbst (bei weitem nicht nur) durch Integrationsprozesse stetig verändern. Die Gesellschaft gibt es also gar nicht. „[A]uch die nicht-migrierte Bevölkerung bzw. die Mehrheitsbevölkerung [ist] keineswegs homogen“ (El-Mafaalani).

Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD klingt es zu Beginn das Kapitels „Integration fördern“ (S. 68) fast so, als würde dem Rechnung getragen, wenn es heißt „Deutschland als Einwanderungsland ist geprägt von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Wir wollen den sozialen Zusammenhalt stärken. Dabei kommt ehrenamtlichen Organisationen und Initiativen von Menschen mit Einwanderungsgeschichte eine besondere Rolle zu, da sie Brücken bauen und den Zugang zu gesellschaftlichen Angeboten erleichtern.“ Von Startchancen ist die Rede, von Migrationsberatung, Integrationskursen, Sprach-Kitas, dem Startchancen-Programm sowie von einer „verpflichtende[n] Integrationsvereinbarung“, die „künftig Rechte und Pflichten definieren“ soll, wobei die „Arbeitsmarktintegration“ hier explizit genannt wird. Immer unter dem Vorbehalt: für „Bleibeberechtigte“.

Wie aber sollen Menschen Teil einer Gesellschaft werden, wenn ihnen die „Bleibeberechtigung“ nicht sicher ist? Wenn sie z. T. über Jahre im Ungewissen leben müssen, wie sich die Politik in ihrem Herkunftsland und in Deutschland entwickelt? Wenn schon der Ex-Kanzler Olaf Scholz die Steigerung der Zahl von Abschiebungen um 20 Prozent als „echten Fortschritt“ bezeichnete und die Schwarz-Rote Koalition nun mit ihrer Abschiebeoffensive auch vor Schulkindern nicht halt macht? Wenn die Forderung von Integration eine leere Hülse bleibt, weil am Ende nur der Pass zählt und nicht der Mensch, selbst wenn er – wie bspw. der 20jährige Yared – einen Ausbildungsvertrag zum Altenpfleger in der Tasche hat – einem Beruf, in dem händeringend Fachkräfte gesucht werden? Wenn „die“ Gesellschaft ihrerseits Menschen über die permanente Markierung als „anders“, als „fremd“ und „nicht zugehörig“ außen vor hält und ihnen die Bereitschaft, sie in ihrem So-Sein aufzunehmen und teilhaben zu lassen, verweigert? Wenn da, wo Integration im Wortsinne gelungen ist, wo nämlich Gruppe und Individuum sich auf „Differenz- und Fremdheitserfahrungen“, wie El-Mafaalani es nennt, einlassen, Bestehendes und neu Dazukommendes zusammenführen und zu etwas Neuem zusammenwachsen lassen, wie der Fall der Mitarbeiterin der Offenbacher Krabbelstubb‘ oder der Johanna-Tesch-Schüler illustriert, am Ende nur die Steigerung der Abschiebezahlen zählen?

Einzelne Lichtblicke gibt es: ist es bspw. einer Hamburger Schule doch über eine Petition im Juni 2024 gelungen, einen 18jährigen Abiturienten vor der Abschiebung nach Ghana zu bewahren. In der Johanna-Tesch-Schule jedoch bleiben 2 Stühle leer. Und die Mitschüler:innen, Freund:innen und Bekannte aus der Community bleiben zurück mit ihrer Wut und Empörung, aber auch mit der „Angst, dass es uns auch passiert“ (FR, 23.05.2025).

Deshalb: Grenzen auf – zu Land, zu Wasser und im Kopf!

Wer „Stoppt die AFD“ sagt, darf zum Rassismus der gesellschaftlichen Mitte nicht schweigen.
Setz Dich mit uns ein für das Recht aller Menschen, zu kommen, zu gehen und zu bleiben. Denn: Menschenrechte sind unteilbar.
Statt Abschottung und Panikmache brauchen wir sichere Fluchtwege und gleichberechtigte Teilhabe für alle!

Seebrücke Frankfurt
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Quellen

Aktuelle Online-Petitionen (Beispiele)